Kloster Arnsburg
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Der Kriegsopferfriedhof

Blick über den Kriegsopferfriedhof auf die Kirchenruine
Blick über den Kriegsopferfriedhof auf die Kirchenruine

Im Kreuzgang des ehemaligen Klosters Arnsburg, der nach der Aufhebung des Klosters zerstört wurde, ruhen seit 1959 knapp 450 Opfer des Zweiten Weltkrieges und des nationalsozialistischen Deutschlands. Ihre Gräber waren zuvor verstreut in den Kreisen Gießen, Alsfeld und Büdingen. Hier sind nicht nur deutsche Soldaten beerdigt, sondern auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Polen, Ungarn und Rumänien. Der Arnsburger Friedhof ist der erste überhaupt, auf dem Kriegsopfer aus verschiedenen Nationen nebeneinander bestattet sind.

Zudem fanden hier auch 81 Frauen und sechs Männer ihre letzte Ruhestätte, die SS-Leute kurz vor dem Eintreffen der US-Amerikaner am 26. März 1945 bei Hirzenhain ermordet hatten. Sie waren zunächst in einem Massengrab verscharrt worden. Die US-Amerikaner veranlassten im Mai 1945, dass ihre Leichen exhumiert und auf dem Hirzenhainer Gemeindefriedhof beigesetzt wurden. Im Jahre 1959 wurden sie erneut umgebettet und kamen nach Arnsburg. Jahrzehntelang waren die Ermordeten als »Kriegsopfer« bezeichnet worden. 1996 ließ der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schließlich zwei Gedenktafeln anbringen, die nun an ihr Leiden und an ihren Tod erinnern. (→ Text der Gedenktafeln einblenden).(↓ Text der Gedenktafeln ausblenden).

Ihr Leiden und ihr Tod dürfen nicht vergessen werden!

Mit der Einweihung dieses Kriegsopferfriedhofs 1959 haben hier auch 81 Frauen und sechs Männer ihre Ruhe gefunden, die am 26. März 1945 bei Hirzenhain vom Exekutionskommando einer SS- und Polizeieinheit ermordet wurden.

Ein Teil der Ermordeten war schon seit Wochen im »Arbeitserziehungslager« oder Erweiterten Frauengefängnis der Frankfurter Gestapo (Geheime Staatspolizei) in Hirzenhain inhaftiert, das den Breuer-Werken, einem Rüstungsbetrieb, angeschlossen war. Weitere von der Gestapo inhaftierte Frauen wurden am 23. März 1945 beim Herannahen der Amerikaner vom Frankfurter Polizeigefängnis nach Hirzenhain verlegt. Unter dem Vorwand der Entlassung wurden sie am 26. März 1945 in Marsch gesetzt und in geringer Entfernung vom Lager an einem frisch ausgehobenen Massengrab erschossen.

Im Mai 1945 wurden 87 Leichen aus dem Massengrab geborgen, zuerst auf dem Friedhof der Gemeinde, dann auf Befehl der amerikanischen Militärregierung auf einer zentral in Hirzenhain angelegten Gedenkstätte beigesetzt. 1947 gelang es der Schwester eines Opfers den Kreis der Täter aus SS und Gestapo zu ermitteln. Der Befehlshaber am Massengrab, SS-Scharführer Fritsch, wurde 1951 als einziger Beteiligter zu lebenslanger Haft verurteilt.

An den Tatort auf der Waldwiese bei Hirzenhain erinnert ein 1991 dort aufgestelltes Sandsteinkreuz. Die Namen der ermordeten Frauen und Männer aus dem »Arbeitserziehungslager« sind unbekannt. Überliefert sind die Namen der am 23. März 1945 von Frankfurt nach Hirzenhain verlegten Frauen. Nur wenigen gelang es während des Transports zum Lager zu fliehen oder von der Selektion zur Erschießung verschont zu bleiben. Unter den 87 Ermordeten konnte nur die Luxemburgerin Emilie Schmitz (Grab 320) identifiziert werden.

Die Namen der hier genannten, ermordeten Frauen aus Osteuropa, Frankreich, Deutschland und Luxemburg stehen auch stellvertretend für weitere, hier ruhende Zivilpersonen. Sie alle wurden in den letzten Tagen der Herrschaft des Nationalsozialismus, als verbrecherische Politik vor Ort immer selbstverständlicher wurde, in den Landkreisen Alsfeld, Büdingen und Gießen aus rassistischen und politischen Gründen oder wegen ihrer Bereitschaft zur kampflosen Übergabe von Gestapo, SS und fanatischen Funktionären der NSDAP ermordet.

Marija Belausow, Olga Belikowa, Margot Bicking, Tamara Dim, Edith Herwig, Anna Fulka, Gertrud Hölscher, Natalja Jakuschowa, Marija Jemiljanowa, Katarina Iwanowa, Jewgenija Iwinskaja, Marija Jakunja, Melani Kolesnitschenko, Iwanka Petrowa, Marija Saroka, Nadjeschda Sanina, Maria Schäfer, Magdalena Send, Polina Trushan, Tanja Drolischewskaja, Anna Rashujanskaja, Anna Patkosina, Katharina Bessoha, Calla Clisniak, Luise Vadly, Valentina Derjukina, Jewgenija Katschau, Marie L. Brand, Rosa Benz, Elisa van der Klyn, Erika Weidmann, Leni van Elet, Marija Kalkutina, Maria Böntgen, Lydakija Lysanawa, Anastasia Awiewianeta, Emilie Schmitz, Marija Potkunska, Irmgard Zilonka, Celiza Mulinski, Josifina Collin, Josifina Collin, Maria Collin, Antonikiwa Stukaw, Luise Lubkowa, Anastasia Palluch, Raisa Serggewa, Anneliese Borbonus, Veronika Daraite, Marija Lichazowa, Marija Nikolawna, Alexandra Krowzowa, Lina Belopapa, Valentina Gruza, Matrona Polomiot, Tatjana Suschko, Natalija Jakuschowa

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Grabstein, Detail
Grabstein, Detail
Grabstein, Detail
Mittelalterliche und frühneuzeitliche Grabsteine im ehemaligen Kreuzgang

Auf Bronzetafeln am Fußende jedes Grabes sind die persönlichen Daten, soweit bekannt, notiert. Die mit Thymian bepflanzten Gräber werden von Graswegen gesäumt. Einige Kreuze aus Basaltlavatuff sind über das Feld verstreut. Ringsum an den Mauern stehen Grabplatten aus der Klosterzeit. Vor der prächtigen Kulisse der Kirchenruine und dem in alter Form wiederhergestellten Ostbau ist so ein würdiger Platz für die Toten entstanden.

Kapitelsaal
Kapitelsaal mit Gedenkstein

Im Kapitelsaal, einem ausgesprochen schönen frühgotischen Raum, steht ein Gedenkstein mit den Worten »mortui viventes obligant« (Die Toten verpflichten die Lebenden). Die fünf Kreuze im Arnsburger Wappen stehen für die neue Aufgabe des früheren Kreuzgangs als Kriegsopferfriedhof (Der Adler erinnert an die Herren von Arnsburg, das in Rot und Silber geschachte Band an den Zisterzienserorden, dessen Mönche über 600 Jahre hier wirkten). An der linken Wand des Kapitelsaals steht heute zudem der bemerkenswerte Grabstein des Ritters Johann von Falkenstein († 1365).

Grabdenkmäler in Kloster Arnsburg bei LAGIS Hessen
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Literatur:
Michael Keller, »Das mit den Russenweibern ist erledigt«. Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit, Gestapo-KZ, Massenmord einer SS-Kampfgruppe und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit am Tatort in Hirzenhain wie auf dem Kriegsgräberfriedhof im Kloster Arnsburg, 1943 - 1996 (Wetterauer Geschichtsblätter 47), Friedberg 2000 (2., erweiterte Auflage).


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